Training, Verhaltensberatung & Therapie

Stitch, eine kastrierte Hündin, geboren ca. 01/2013, Deutscher Schäferhund-Mali-Aussi?-Mix, ist ein richtiger Tornado. Auch sie kommt, wie unser Rüde Bobby, aus dem Tierheim Heinsberg. Dort wurde sie als Fundtier abgegeben. Jedoch war das nicht ihre erste Station, nachdem man sie gefunden hatte. Soweit ich informiert bin, war sie nach ihrem Auffinden,  für einige Zeit bei einer Privatperson, die wohl im Sinn hatte, sie eine Schutzhunde-Ausbildung absolvieren zu lassen. Nachdem das Vorhaben offenbar scheiterte, wurde sie, da kein Platz im Tierheim war, in einer Hundepension/Hundeschule untergebracht. Dort hat sie einen Menschen gebissen und wurde dann in das Tierheim gebracht. Zwischenzeitlich ist dort nämlich ein Platz frei geworden. Puhh... alleine das war für so einen jungen Hund schon ziemlich viel.

Im Tierheim lernte ich sie dann als eher unsicheren Hund kennen. Der aber, wenn es zu eng und gruselig wird, die Flucht nach vorne antritt, anstatt zu kapitulieren. Kinder waren immer ein Grund zum Gruseln. Egal wie weit weg, wie leise oder laut, ob klein oder schon etwas größer, da sah sie rot und tobte an der Leine. Der Stress im Tierheim führte dazu, dass es immer mehr schwierige Situationen für sie gab und ihr Verhalten veränderte sich entsprechend. Aber wenn sie sich sicher fühlte, dann blühte sie zu einem lustigen und fröhlichen Hund voller Tatendrang auf.

Mein Mann verliebte sich in diesen Wirbelwind. Ebenso Bobby. Wir entschieden uns dazu, auch dieser Maus ein Zuhause zu geben. Auch wenn es bisher ein oft holpriger Weg war, so habe ich diese Entscheidung keine Sekunde bereut.

Die ersten 6 Wochen bei uns zuhause verliefen traumhaft. Und dann führte eine doofe Situation dazu, dass sich alles ändern sollte. Wobei ich mich schon ab und an frage, was ich vielleicht an Warnsignalen zuvor übersehen habe, denn danach war sie kaum noch der Hund, den ich zuvor kennengelernt hatte.

Was geschehen ist: Wir, mein Mann, Bobby, Stitch und ich waren im Wald spazieren. Die Hunde angeleint. Wir hörten von hinten eine Gruppe Radfahrer herankommen und um möglichst viel Platz zu machen, reihten wir uns hintereinander an einer Wegseite ein. Stitch schnüffelte vertieft an einem Grasbüschel, als mich einer der Radfahrer ziemlich heftig anrempelte. Die Gruppe hielt es leider nicht für nötig, für etwas mehr Platz zu sorgen und fuhr weiterhin in 2er- und 3er-Reihen nebeneinander her und so wurde es eng, zu eng. Ich erschreckte mich und mit mir Stitch auch. Sie drehte sich zu mir um und lief dabei ins Fahrrad. Quiekte auf, denn das tat weh. Der Radfahrer fühlte sich offenbar angegriffen und trat nach ihr. Der Fuß landete einen Volltreffer. Stitch war rasend vor Schreck, Wut und Schmerz und war kaum noch zu halten. Aber die Radfahrer waren bereits weiter gefahren. 3 Sekunden die alles veränderten!

Radfahrer waren seitdem der Horror und gaben Anlass zum Ausrasten. Genauer gesagt war danach alles, was uns begegnete wenn sie an der Leine war der reinste Horror: Menschen, egal wie und womit sie sich fortbewegten, Artgenossen, Autos und Dinge, die einfach anders waren als sonst. Eine Mülltonne, die gestern noch nicht am Straßenrand stand wurde verbellt und angegriffen. Nicht selten waren die 10 Meter von der Haustür bis zum Auto schon eine Herausforderung für uns, wenn Menschen oder andere Hunde in Sichtweite waren. Und nicht selten waren die Spaziergänge nach 20 Minuten zu Ende, da bereits zu viel unterwegs passiert war. Dann war an ein entspanntes Laufen nicht mehr zu denken. Sie steigerte sich teilweise so sehr in ihre Raserei, dass es vorkam, dass sie sich zu mir umorientierte und mich angreifen wollte, weil sie das Gruselobjekt nicht erreichen konnte. War der Tag zu anstrengend, so begann sie sich die Pfoten und Beine so lange zu belecken, bis diese wund waren. Zudem schreckte sie während der Nacht bei jedem Geräusch auf und bellte. An durchgehenden Schlaf war für uns alle nicht mehr zu denken. Genauso geriet sie völlig außer sich, wenn im Fernseher Tiere zu sehen waren, dort Kinderstimmen zu hören waren oder Musik. Besuch zu empfangen war nicht mehr möglich, ohne sie wegzusperren Das volle Programm also.


Nein, sie ist nicht zum bösen Hund mutiert. Sie wusste sich nur nicht anders zu helfen und unsere Vertrauensbasis war zu diesem Zeitpunkt zu labil, als das sie darauf bauen konnte, dass ich alles für sie regeln werde.

An Training draußen war kaum zu denken – zu groß war die Anspannung bei ihr, weil gleich etwas kommen könnte. Wir gingen eine Zeit lang zu unmöglichen Tageszeiten spazieren oder wählten bewusst Strecken, wo das Risiko gering war, auf Dinge zu treffen, die sie aufregten. Zudem trug sie draußen einen Maulkorb. Parallel dazu übten wir ein Entspannungssignal, arbeiteten an ihrer Impulskontrolle und sie lernte ein Abbruchsignal plus ein Alternativverhalten (Berühren meiner Hand mit ihrer Nase) kennen und auch ein Signal, mit dem ich ihr eine potentielle Gefahr ankündigen kann. Ziel beider Signale ist die Umorientierung zu mir. Nachdem das zuhause alles gut funktionierte, wurde damit draußen gearbeitet und wir konnten uns so Meter für Meter wieder an die Gruselobjekte annähern.
Sie wusste, was sie zu tun hatte und so machte sie tolle Fortschritte.

Und bei all dem Training durfte der Spaß natürlich auch nicht fehlen! Wir haben sehr viel Kopfarbeit zuhause und dann auch während der Spaziergänge gemacht. Überwiegend Schnüffelspiele. Das gibt Selbstvertrauen und sie lernte so schnell, dass es sich lohnt, nach Lösungen zu suchen, die ihr positive Erfolge einbringen. Und da sie so ein Powerpaket ist, sich gerne bewegt und auch richtig clever ist, habe ich bei einer Kollegin das Mantrailing mit ihr begonnen. Dabei geht es darum, fremde Personen zu finden, indem sie deren Geruchsspur folgt. Sie ist großartig darin und freut sich jedes mal, wenn sie die Person gefunden hat. Dann findet sie auch Fremde einfach nur spitze! Sie wurde durch das Mantrailing deutlich entspannter im Umgang mit fremden Menschen. Da gleichmäßige Bewegung Spannungen abbaut gehe ich 1-2 mal die Woche mit ihr joggen (Cani Cross).


Ganz sicher ist sie noch immer kein Hund, den man alltagstauglich nennen kann. Dafür war ihr Start ins Leben einfach zu schlecht. Aber ich bin absolut zuversichtlich, dass sie noch ganz viel lernen kann. Ich habe keinerlei Ansprüche an diesen Hund. Niemals wird sie mit uns ins Restaurant gehen müssen, um dort 3 Stunden geduldig zu liegen oder mit in die Stadt zum Einkaufen. Da ist sie zuhause im gemütlichen Hundebett deutlich besser aufgehoben. Was ich für sie möchte ist, dass sie ein glückliches, stressfreies langes Leben führen kann.