Training, Verhaltensberatung & Therapie

Zerrspiele – gut oder schlecht?

Auf Hundeplätzen und auch in Hundeschulen wird häufig nach wie vor der Erziehungstipp gegeben, dass man am Besten gar keine Zerrspiele mit dem Hund machen soll, da man sich so auf ein Kräftemessen mit dem Hund einlassen täte.

Mythos Nr. 1: Zerrspiele lassen den Hund dominant werden

Leider wird oftmals noch gesagt, dass man die Hunde auf keinen Fall gewinnen lassen darf, wenn man sich doch für die Zerrspiele entscheidet. Die Begründung dafür lautet meist, dass die Hunde „dominant“ werden. Denn wenn die Hunden gewinnen, so täten sie erkennen, dass er überlegen sei und werde sich fortan nicht mehr seinem Besitzer unterordnen sondern stattdessen versuchen, die „Alphaposition“ zu erlangen.

Das sind Aussagen, die einen schon verunsichern, kann ich absolut verstehen. Weckt man da unter umständen „schlafende Dämonen“?

Meine Antwort darauf: Wenn du und dein Hund Spaß am Zerrspiel habt, dann tut es! Natürlich darfst du deinen Hund auch gewinnen lassen. Ich bitte sogar ausdrücklich darum.

Die Sorge, dass der Hund dir gegenüber dominant wird, kann ich dir nehmen. Denn: Ein ganz klares Charakteristikum von Spiel ist Rollentausch. Spiel ist anders als die Realität – das weiß ganz klar auch Ihr Hund.

Was für ein Sinn hätte ein Spiel, wenn einer immer der Verlierer ist? Würdest Du Dich auf eine Runde „Mensch ärgere Dich nicht“ einlassen, wenn Du bereits wüsstest, dass Du verlieren wirst? Einmal vielleicht - aber immer wieder? Vielleicht würdest du es einem anderen Menschen zuliebe, z.B. für Kinder tun. Du ermöglichst ihnen den Sieg und erfreust dich an ihrer Freude. Genau das sollte im Idealfall beim Spiel mit dem Hund ebenfalls passieren: Du ermöglichst ihm auch einen Sieg und so kannst Dich an seiner Freude erfreuen.

Den Hund gewinnen zu lassen stärkt das Selbstbewusstsein deines Hundes. Aber es nimmt dabei kein übersteigertes Ausmaß an. Insbesondere für unsichere Hunde können solche Spiele also sogar sehr positive Auswirkungen haben.

Mythos Nr. 2: Zerrspiele machen aggressiv

Die Ursachen von hundlichen Aggressionen sind vielfältig. Angst, Ressourcenverteidigung, Frustration, schlechte Haltungsbedigungen, Schmerzen usw. können diese erzeugen. Jedoch wird ein Hund, der zuvor keine Aggressionen gezeigt hat, sicherlich nicht durch den Zergel aggressiv werden. Nein, dass Zerrspiel ist es definitiv nicht - verantwortlich dafür ist der Umgang mit dem Hund durch den Menschen und das allgemeine Wohlbefinden des Hundes.

Wenn du mit deinem Hund Zerrspiele machst und das dann so wild und solange, dass er Schmerzen bekommt und dann dein Hund aufgrund von Schmerzen unpässlich wird und aggressiv reagiert, kannst du nicht das Zerrspiel dafür verantwortlich machen. In diesem Fall liegt die Verantwortung ganz klar bei dir. Du solltest für deinen Hund die Beschäftigung so wählen und zulassen, dass sich dein Hund wohl fühlen kann. Und es liegt an dir, zu erkennen, was für deinen Hund gut ist und wie viel er davon braucht und haben darf.

Der Nachteil am klassischem Zerrspiel ist, dass es leider Gift für die Halswirbelsäule, der Halsmuskulatur und dem Kieferapparat ist. Aber auch hier ist es wie so häufig: Die Dosis macht das Gift. Allerdings darfst du nicht erwarten, dass dein Hund von allein aufhört, wenn ihm etwas weh tut – viele Hunde machen einfach weiter, weil es zu schön ist und er dabei die Schmerzen vergessen kann.

Frustration ist eine der Hauptursachen für Aggressionsverhalten. Vielleicht kennst du das sogar von dir selbst: sobald etwas nicht so läuft, wie du dir das vorstellst, wirst du ungehalten und schimpfst. Ich kenne das von mir sehr gut und auch den Hunden geht es da nicht anders.  

Deshalb ist es wichtig, dass das Zerrspiel (und natürlich alle anderen Spiele auch) für deinen Hund nicht mit Frustration verknüpft ist, weil es einfach immer plötzlich aufhört. Vielleicht sogar gerade dann, wenn es am schönsten ist. Das so etwas frustriert ist doch nachvollziehbar und kann dann auch schnell nach hinten losgeht.

Mythos Nr. 3: Zerr- & Ballspiele erzeugen Jagdtrieb

Ich beginne mit der guten Nachricht: Dem ist nicht so! Durch Zerr- und Ballspiele wird der Hund nicht zu einem Jagdhund. Ihr dürft euch diesem Spaß also gemeinsam hingeben.

Jagdverhalten ist bei den meisten Hunden völlig normal – auch, wenn man es sich anders wünscht. Jagdverhalten hat eine genetische Grundlage und kann somit weder an- noch ausgestellt werden. Egal, womit. 

Hast du einen Hund, der noch nie etwas von Jagdverhalten gehört hat? Freue dich darüber, am besten jetzt – denn vergiss bitte nicht: Das kann sich noch ändern, weil sich Jagdverhalten selbstbelohnend anfühlt und diese Erfahrung kann dein Hund bei Wildkontakt noch machen. Jedoch bleibe ich dabei: Durch Ballspiele wirst du deinen Hund aber nicht zum Jagdhund machen!

Warum? Das hat etwas mit Lernverhalten zu tun. Hunde sind schlecht im Generalisieren – sie werden niemals einen Hasen mit einem Ball verwechseln. Viele Hunde können still sitzen, wenn der Ball fliegt, aber zeigen dieses Verhalten dann nicht am rennenden Reh oder Hasen. Sie können sich zurücknehmen am Futternapf, aber nicht am Wild. Warum sollte das also umgekehrt funktionieren?

Warum sollte also Ballspielen Jagdverhalten fördern, wenn der Hund doch ganz genau weiß, wann es um den Ball geht und wann um Wild? Für Hunde ist das ein völlig anderer Zusammenhang und da Hunde immer im Kontext lernen, können sie da sehr gut unterscheiden.

Ich sehe bei diesen Spielen das Positive. Denn das Schöne am Spiel mit dem Zergel oder Ball ist, dass der Hund das Bedürfnis nach Hetzen, Suchen, Lauern, Schütteln usw. ausleben kann – denn an Reh, Hase & Co. sollte das im Normalfall kein Hund tun. Fakt ist: Bedürfnisse zu unterdrücken ist schwer und auf Dauer auch äußerst ungesund. Das Jagdverhalten gehört bei vielen Hunden zu den wichtigen Bedürfnissen. Unter Umständen wird dein Hund ein Spielzeug nicht sofort als Ersatz nehmen wollen, aber auch das kannst du Schritt für Schritt mit deinem Hund aufbauen.

Ein Hund, dem es ermöglicht wird seine Bedürfnisse befriedigen, hat eine höhere Lebensqualität und empfindet weniger Frust. Nicht zu vergessen ist, dass Frust oftmals dazu führt, dass Hunde auffällig werden, schlechter ansprechbar und trainierbar sind.

Fazit:

Zersspiele sind erlaubt – aber es steht und fällt mit der Umsetzung. Es wäre wahnsinnig schade, wenn du mit deinem Hund keinen Spaß mehr haben könntest, nur weil Zerrspiele einen so schlechten Ruf haben.